Geschichte der KSA

Monday, January 09, 2006

Essay 2

Boas und Nachfolger

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Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

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Die nordamerikanische Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von dem ursprünglich aus Deutschland stammenden Franz Boas, der oftmals als Vater der amerikanischen - genauer gesagt der US-amerikanischen - Anthropologie bezeichnet wird. Was die amerikanische von der europäischen Anthropologie bis heute unterscheidet, ist der von Boas propagierte 4-Felder-Ansatz, demzufolge die Anthropologie aus vier miteinander in Verbindung stehenden Teilbereichen besteht, „namely cultural anthropology, biological anthropology (or physical anthropology), anthropological linguistics, and prehistoric archaeology. The four-field approach is the basis of the organization of most anthropology departments in North America.” [1, S. 606]


1. Der Kulturbegriff

Die wichtigste Aufgabe der Anthropologie war laut Boas die empirische Studie der “rapidly disappearing native cultures” [2, S. 261] durch Feldforschung. Im Gegensatz zu Malinowski bedeutete das in seinem Fall jedoch nicht teilnehmende Beobachtung, sondern v.a. Befragung der Ältesten und Aufnahme von Texten. Auch die Sprache rückte ins Zentrum der Aufmerksamkeit, und zwar einerseits um mit Texten der jeweiligen Sprache zu arbeiten und andererseits aufgrund der Annahme, Sprache sei der Weg in die „mental states of the natives“ [2, S. 261].

Nach Tylers Definition umfasst Kultur auch den materiellen, sozialen und symbolischen Rahmen und wird als Synonym für Zivilisation verwendet. Dahingegen betont Boas die Vielfältigkeit von Kulturen, welche mit dem gelernten menschlichen Verhalten in Zusammenhang stehen. Im Kontrast zur Betonung von Gesellschaft und Sozialstruktur in der Britischen Sozialanthropologie galt in Nordamerika die Kultur als Kernkonzept. Boas bezeichnete kulturelle Phänomene als relativ autonom. Er sah „Rasse“, Sprache und Kultur als unterschiedliche Phänomene, die zudem voneinander unabhängigen Ursachen unterliegen. Boas Gedanken gingen in zwei Richtungen: die historische beschäftigte sich vor allem mit nachweisbaren Prozessen, durch die die Verbreitung kultureller Eigenschaften erklärt werden konnte; die psychologische bzw. wissenschaftliche umschloss sowohl das Interesse daran, wodurch der Unterschied des individuellen Geistes in verschiedenen Kulturen entsteht, als auch daran, wie die einzelnen Eigenschaften zusammenpassen. [2]


2. Kulturrelativismus

Der Kulturrelativismus entstand aus der Kritik am Evolutionismus, der Kulturen miteinander vergleicht und dabei westliche Kulturen als Maßstab heranzieht. Diese ethnozentristische Sichtweise wird dem Evolutionismus vorgeworfen. In seinem Artikel „The Limitations of the Comparative Method“ (1896) kritisierte Boas diese für die Evolutionisten spezifische Vorgehensweise der „vergleichenden Methode“. Kulturelle Phänomene – so die Verfechter des Kulturrelativismus - sind nur im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen, d.h. Kultur ist nur aus sich selbst heraus zu verstehen. Vertreter eines starken – im Gegensatz zum schwachen bzw. abgeschwächten – Kulturrelativismus sehen davon ab, beobachtete kulturelle Phänomene zu verurteilen, zu bewerten, zu vergleichen oder in das Geschehen einzugreifen. Alle Kulturen sind einander ebenbürtig, es gibt keine höhere oder wertvollere Kultur und somit auch keine Hierarchie oder Entwicklungsstufen, wie es z.B. von Morgan oder Tylor propagiert wurde [3]. Anthropologen mit einer relativistischen Haltung versuchen demnach, bei ihrer Forschung die jeweilige Kultur aus sich selbst heraus zu verstehen, ohne sich dabei von den in der eigenen Kultur gesammelten Erfahrungen und persönlichen Werten beeinflussen zu lassen oder gar die zu erforschende Kultur auf irgendeine Art und Weise zu bewerten.


3. „Boasians“ – die Schüler von Boas

Boas hatte großen Einfluss auf die nachkommenden Forschergenerationen. Die Studenten von Boas, die sogenannten „Boasians“, waren jedoch keine homogene Gruppe, sondern entwickelten die Ansätze von Boas in unterschiedlicher Weise weiter. Ich beschränke mich im Folgenden auf eine Auswahl einiger mir wichtig erscheinenden Persönlichkeiten aus dieser Gruppe. Interessierte können sich in den unten angegebenen Quellen über weitere Boasians informieren.

Zur ersten Generation von Boas Schülern zählt Alfred Kroeber, der einen eher starken Kulturrelativismus vertrat. In seinem Buch „The Superorganic“ (1917) betonte er, dass kulturelle Phänomene vollkommen unabhängig sind von der organischen Kategorie (Biologie, Psychologie, Individuum). Sein Interesse galt den Kulturformen, dem Zusammenhang von Mustern und der kulturellen Kreativität. Er folgte Boas historischer Richtung und verwendete vorwiegend formale Methoden wie Klassifikation und Quantifikation. Mithilfe der Methode der „conceptual integration“ versuchte er Muster unter den kulturellen Eigenschaften zu entdecken [2]. In „Culture“ schrieben Kroeber und Kluckhohn, Kultur bestehe aus expliziten und impliziten Mustern von und für Verhalten in der Gruppe, aus traditionellen Ideen und damit verbundenen Werten, die sozialen Beziehungen stehen im Mittelpunkt. Durch Symbole werden sie erworben und weitergegeben [4].

Ein ebenfalls starker Kulturrelativismus spiegelt sich in der von Edward Sapir geprägten und Benjamin Lee Whorf entwickelten Sapir-Whorf-Hypothese wieder. Dieser Hypothese zufolge wird die Art des Denkens von der Sprache beeinflusst, daher denken Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, auch unterschiedlich. Dieser linguistische Relativismus sieht in der Sprache die Möglichkeit, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit zu prägen [5]. Doch bald kamen Einwände gegen diese Hypothese auf. So gibt es etwa Völker, deren Kultur ähnlich ist, obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen. Auch können Völker mit eng verwandten Sprachen sehr unterschiedliche Kulturen haben. Weiters wurde die Überbetonung der Sprache kritisiert, die in Nationalismus und Chauvinismus übergehen kann. Neben der Sprache ist besonders die Ebene der Wahrnehmungen und Erfahrungen wichtig. Es ist zudem fraglich, ob wir aufgrund der von Whorf angenommenen unterschiedlichen Denkmuster jemals anderssprachige – andersdenkende (?) – Menschen verstehen könnten. Dann wäre es aber auch nicht möglich, die verschiedenen Arten des Denkens zu vergleichen, wie Whorf es getan hat. Was ebenfalls gegen diese Theorie spricht, ist die erwiesene vorsprachliche Kompetenz von Kleinkindern, die Dinge bereits wahrnehmen und erkennen bevor sie diese benennen können [6].

Sapir begründete die „Culture and Personality School“, eine Subdisziplin der psychologischen Anthropologie, in Anlehnung an die Gestaltpsychologie, derzufolge ein Gegenstand nicht als Ansammlung einzelner Elemente gesehen wird, sondern in einem organisierten Muster, einer Gestalt. Diese Annahme von organisierten Mustern wendete Sapir auf die Analyse von Sprache, Kultur und Persönlichkeit an [7].

Zuletzt möchte ich auf die zwei wichtigsten Frauen unter den Boasians eingehen, Ruth Fulton Benedict und Margaret Mead. Sie beide bauten auf Sapirs Idee der „Culture and Personality School“ auf. In dem 1934 von Benedict veröffentlichten Buch „Patterns of Culture“ argumentierte sie, „that the cultural whole determined the nature of its parts and the relations between them“ [7, S. 143]. Leitmotiv des Buches war das Problem der kulturellen Vielfalt, da sie während ihrer Forschungen Dörfer fand, die sehr unterschiedliche Kulturen ausgebildet hatten, obwohl ihre natürlichen Lebensumstände ähnlich waren [8]. Sie kontrastierte drei Ethnien: die Zuni in New Mexico, die Kwakiutl von Vancouver Island und die Dobu in Melanesien. Allerdings ist anzumerken, dass sie dabei auf die Studien anderer zurückgriff. In Anlehnung an Friedrich Nietzsche unterschied sie zwischen apollinischen und dionysischen Kulturen. Die Zuni beschrieb sie als apollinisch, sie lebten ein geordnetes, harmonisches Leben, verrichteten alles präzise und streng nach alten Traditionen und misstrauten Individualisten. Im Gegensatz dazu seien die Kwakiutl Benedict zufolge dionysisch, was von Emotion, Leidenschaft und Maßlosigkeit gekennzeichnet ist. Wieder anders beschrieb Benedict die Dobu, deren höchste Tugenden Feindschaft und Verrat seien. Demnach gestaltet sich Normalität in jeder Ethnie anders, was z.B. für die Zuni normal ist, ist für die Dobu nicht normal. Benedict folgerte, dass Kultur sowohl bestimmt, was als korrektes Verhalten als auch was als normaler psychologischer Zustand angesehen wird [1]. Sie kam zu dem Schluss, kulturelle Vielfalt ergäbe „sich daraus, dass jede Kultur aus einem universellen „Kreisbogen“ verfügbarer Möglichkeiten eine eigene Auswahl trifft und diese Aspekte in komplexer Weise miteinander verflicht“ [8, S. 43]

Im Gegensatz zu den meisten amerikanischen Forscherkollegen ihrer Zeit fand Meads (erste) Feldforschung außerhalb Nordamerikas statt, und zwar in Samoa. Das Forschungsthema kam von Boas. Sie sollte untersuchen, ob die Pubertät – wie in den USA – zwangsläufig eine problematische Lebensphase oder ob dies von der Kultur und Gesellschaft abhängig sei. Hier spiegelt sich die zu dieser Zeit besonders intensive Anlage-Umwelt-Kontroverse wider, wobei Boas der Ansicht war, die Umwelt sei ausschlaggebend für menschliches Verhalten. Dementsprechend fielen auch die Ergebnisse von Meads Feldforschung aus, die sie in dem populär gehaltenen Werk „Coming of Age in Samoa“ (1928) zusammenfasste. Mead fand, was sie suchen sollte: „ein Beispiel dafür, dass Erwachsenwerden, Emotionen und Sexualität durch die Kultur bestimmt werden“ [9, S. 296]. Bei der Übertragung ihrer Ergebnisse auf die US-Gesellschaft verwies sie darauf, dass durch etwas samoanische Freizügigkeit viele Probleme des amerikanischen Erziehungssystems gelöst werden könnten. Wir sollten unsere Werte und Normen kritisch sehen und durch die Kenntnisse über andere Lebensweisen unsere eigene verbessern [9].

Sowohl Benedict als auch Mead waren maßgeblich an den während des Zweiten Weltkrieges aufkommenden Nationalcharakterstudien beteiligt. Sie entwickelten eine Methode, um unerreichbare Kulturen aus der Ferne analysieren zu können, die „study of cultures at a distance“ [2, S. 273). „The Chrysanthemum and the Sword. Patterns of Japanese Culture” (1946) von Ruth Benedict wurde vom „Office of War Information“ in Auftrag gegeben und sollte dazu dienen, das Denken und Verhalten der Japaner besser zu verstehen und damit einen strategischen Vorteil zu erringen. Dies war der Beginn der angewandten Anthropologie [10].


Schlussbemerkungen

Abschließend möchte ich noch bemerken, dass heute kaum noch Vertreter eines starken Kulturrelativismus zu finden sind. Sein Einfluss auf die Feldforschung bleibt jedoch bis heute von Bedeutung. Die ethnozentristische und eurozentristische Sichtweise wurde in Frage gestellt und darauf hingewiesen, in anderen Kulturen typische Verhaltenweisen aufgrund divergierender Ansichten nicht von vornherein zu verurteilen. Die große Kritik am starken Kulturrelativismus ist, dass auch die Verletzung von Menschenrechten als kulturspezifisch verstanden werden kann. Dagegen halte ich es für wichtig, hier sehr wohl in das Geschehen einzugreifen und zumindest in einen Dialog zu treten. In einer schwachen Form ist der Kulturrelativismus aus meiner Sicht jedoch im Bereich der Feldforschung eine Bereicherung.

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Quellen:

[1] Barnard, Alan, & Spencer, Jonathan (1996): Glossary. In: Alan Barnard & Jonathan Spencer: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. London: Routledge, S. 594-628.

[2] Silverman, Sydel (2005): The Boasians and the Invention of Cultural Anthropology. In: Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin & Sydel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press, S. 257-274.

[3] Ben Lassoued, Andrea, & Digruber, Daniela (2005): Tutorium zur Vorlesung „Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“. Mitschrift aus dem Wintersemester 2005/06, vom 9.12.2005. Universität Wien.

[4] Beer, Bettina (2001): Alfred L. Kroeber/Clyde Kluckhohn. In: Feest, C. F. & Kohl, K.-H. (Hrsg.): Hauptwerke der Ethnologie. Stuttgart: Kröner, S. 197-202.

[5] Barnard, Alan, & Spencer, Jonathan (1996): Sapir-Whorf hypothesis. In: Alan Barnard & Jonathan Spencer: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. London: Routledge, S. 499-501.

[6] Barnard, Alan (2000): History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press.

[7] Toren, Christina (1996): culture and personality. In: Alan Barnard & Jonathan Spencer: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. London: Routledge, S. 143-145.

[8] Schomburg-Scherff, Sylvia M (2001): Ruth Fulton Benedict. In: Feest, C. F. & Kohl, K.-H. (Hrsg.): Hauptwerke der Ethnologie. Stuttgart: Kröner, S. 41-47.

[9] Beer, Bettina (2001): Margaret Mead. In: Feest, C. F. & Kohl, K.-H. (Hrsg.): Hauptwerke der Ethnologie. Stuttgart: Kröner, S. 294-298.

[10] Silverman, Sydel (2005): Bringing Anthropology into the Modern World. In: Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin & Sydel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press, S. 292-309.

Saturday, November 26, 2005

Essay 1

Funktionalismus und Strukturfunktionalismus


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Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

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Der Begriff „Funktionalismus“ ist in vielen Disziplinen zu finden, so z.B. in der Architektur oder der Philosophie. Hier wird jedoch nur auf seine Bedeutung in der Kultur- und Sozialanthropologie eingegangen. Es handelt sich dabei um jene Sichtweise, die sich mit den Handlungsweisen bei Individuen, den von sozialen Institutionen auferlegten Zwängen, sowie den Beziehungen zwischen den Bedürfnissen eines Individuums und deren Befriedigung durch kulturelle und soziale Netzwerke (den kulturellen und sozialen Rahmen) beschäftigt. Im Gegensatz dazu stehen beim Strukturfunktionalismus weniger die individuellen Handlungen und Bedürfnissen im Vordergrund, sondern vielmehr die Konstruktion bzw. die Struktur der sozialen Ordnung und der Platz des Individuums innerhalb dieser sozialen Ordnung. Der Funktionalismus geht davon aus, dass sämtliche Bereiche einer Kultur zusammenhängen und dabei jeweils eine bestimmte Funktion erfüllen sollten. Demnach muss eine Kultur als ganzes angesehen werden, um Funktionen und Zusammenhänge erkennen zu können. Dabei ist für die Sozialanthropologie als Wissenschaft die Entstehungsgeschichte nicht von Interesse, es geht rein um die Frage, welchen Zweck eine bestimmte Handlung hier und jetzt erfüllen soll. Im Vordergrund steht, welche Funktion eine Institution innerhalb eines sozialen Systems hat und nicht, wie sie sich im Laufe der Zeit verändert [1].

Der Gründervater des Funktionalismus war Bronislaw Kaspar Malinowski, der im Jahre 1884, zur Zeit der Donaumonarchie, in Krakau geboren wurde. 1910 erhielt er ein polnisches Forschungsstipendium, durch welches er nach Großbritannien kam, wo er unter Edward Westermarck und Charles G. Seligman an der London School of Economics (LSE) anthropology studierte. In seiner ersten Veröffentlichung „The Family among the Australian Aboriginies“, 1913, ging es vor allem um die damalige Kontroverse zwischen Evolutionisten und Diffusionisten. Als Malinowski 1914 beruflich nach Australien reiste, wurde er vom Ersten Weltkrieg überrascht. Da er einen Pass der K. u. K. - Donaumonarchie besaß, konnte er nur durch den Einfluss befreundeter Wissenschaftler einer Internierung entgehen, durfte das Hoheitsgebiet jedoch nicht verlassen. Mit Erlaubnis der australischen Regierung verbrachte er bis 1918 insgesamt zwei Jahre auf den Trobriand Inseln, die zu Neu Guinea gehörten. Durch diesen Forschungsaufenthalt wurde sein Leben und Wirken stark beeinflusst. Zurück in London schrieb er an seinem neuen Buch „Argonauts of the Western Pacific“, das 1922 erschien und u. a. von den großen Überseereisen und dem zeremoniellen Tauschsystem (kula) der Trobriander handelte [2, 3].

Die zweite wichtige Person dieser Zeit, die den Funktionalismus und hier vor allem den Strukturfunktionalismus prägte und den Diskurs darüber vorantrieb, war Alfred Reginald Radcliffe-Brown, der 1881 in England geboren wurde. Er interessierte sich sehr für Politik und vertrat radikale und antikoloniale Ansichten. Während seiner Zeit im College erhielt er den Spitznamen „Anarchy Brown“. Auf der Grundlage seiner Feldforschungen auf den Andaman Inseln zwischen 1906 und 1908 entstand das Buch „The Andaman Islanders“, das 1922, also im selben Jahr wie Malinowskis „Argonauts of the Western Pacific“, erschien [4].

Nach der Auseinandersetzung mit großen Feldforschern wie Alois Musil und Franz Boas begründete Malinowski eine neue Methode, die ethnographische Feldforschung, die er während seiner Forschungen bei den Trobriandern praktizierte und ausarbeitete. Im Mittelpunkt steht hierbei eine Methode, die er als "participant observation" (teilnehmende Beobachtung) bezeichnet. Dabei ist es wichtig, sich zurückzunehmen, respektvolle Distanz zu wahren und von einer Überidentifikation mit den „beobachteten“ Menschen Abstand zu nehmen. Es ist zudem unumgänglich, die jeweilige Sprache zu lernen, um die Menschen in ihrem Umgang miteinander verstehen zu können. Interviews haben bei der ethnographischen Feldforschung nur einen marginalen Stellenwert, es ist vielmehr wichtig, sich auf die Menschen und deren Alltag einlassen zu können. Malinowski forderte eine Feldforschung mit intensiven Kontakten zu Informanten und einer langen Aufenthaltsdauer.

Aus Malinowskis Sichtweise sind alle Institutionen einer Gesellschaft miteinander verbunden. Zum Verständnis dieser Zusammenhänge ist es wichtig, die Funktion jedes einzelnen sozialen und kulturellen Phänomens, dessen Platz und Beziehung zu den anderen zu erforschen. Nur so kann schließlich der Gesamtkontext verstanden werden. Die individuellen Handlungen stehen für ihn im Mittelpunkt [5].

Radcliffe-Brown war nicht so ein herausragender Feldforscher wie Malinowski. Er versuchte, die von W. H. R. Rivers während der Torres Straits Expedition (1898) entwickelten Methoden anzuwenden, hatte jedoch Schwierigkeiten bei der Anwendung der "genealogical method“ (im Sinne einer Verwandtschaftsforschung). Er war jedoch ein besserer Theoretiker als sein Kollege und arbeitete systematischer [4].

Im Gegensatz zu Malinowski, für den die Sozialstruktur nur der Rahmen für individuelle Handlungen war, betrachtete Radcliffe-Brown das handelnde Individuum als theoretisch unbedeutend und betonte dahingegen die Wichtigkeit sozialer Institutionen. Damit begründete er den Strukturfunktionalismus, in dem die meisten sozialen und kulturellen Phänomene im Sinne eines Beitrags zur Aufrechterhaltung einer sozialen Gesamtstruktur als funktionell angesehen werden können [5]. Entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Strukturfunktionalismus durch Radcliffe-Brown hatten Émile Durkheim mit seinen Konzepten von Struktur und kollektiven Ideen [6], sowie der Anarchist Peter Kropotkin mit seiner Vision der Gesellschaft als ein sich selbst regulierendes System ohne (staatliche) Zentralinstanz [1].

Die nach seinem Tod veröffentlichten persönlichen Tagebücher Malinowskis führten zu heftiger Kritik sowohl an seiner Person als auch an seiner Arbeit. Er schrieb darin rassistische Bemerkungen gegenüber den Trobriandern nieder, erzählte über Ängste und Ärgernisse sowie Freude über „europäische“ Gesellschaft. Seine persönlichen Gedanken sollten jedoch nicht seine Arbeit als Anthropologe in Frage stellen. Es ist vielmehr besser, seinem Ärger in persönlichen Tagebüchern freien Lauf zu lassen, anstatt sich davon in der Forschungsarbeit beeinflussen zu lassen. Dieses Tagebuch beschrieb er selbst „as a safety-valve, a means of channeling the personal cares and emotions of the ethnographer away from his scientific notes“ [7, S. 13].

Hier ist auch Malinowskis Bezug zur Psychologie zu erkennen. Er traf sich einige Male mit Sigmund Freud in Südtirol. Durch seine Forschungen bei den Trobriandern konnte er Freuds Theorie, der Ödipus-Komplex sei universell, wiederlegen. Die Trobriander sind eine matrilineare Gesellschaft, in der nicht der Vater, sondern der Mutterbruder die Hauptbezugsperson des Sohnes ist. Der Sohn ist hier nicht eifersüchtig auf seinen Vater, was zeigt, dass der Ödipus-Komplex kein universelles Phänomen sein kann.

Während Malinowski in den 20er und 30er Jahren an der LSE unterrichtete, hielt sich Radcliffe-Brown vorwiegend außerhalb Englands auf. Er hielt Vorlesungen in Kapstadt, Sydney und Chicago. 1937 erhielt er einen Lehrstuhl der Sozialanthropologie in Oxford, kurz bevor Malinowski (1938) in die USA reist. Wieder hält ein Krieg, diesmal der Zweite Weltkrieg, Malinowski ab, nach Europa zurück zu kehren, er stirbt 1942 in New Haven. Radcliffe-Brown starb 1955 in London [7].

Sowohl Malinowski als auch Radcliffe-Brown haben ausschlaggebend zur Gründung der gegenwartsbezogenen sozialwissenschaftlichen Anthropologie beigetragen. Zwar ist die Diskussion um den Funktionalismus bis in die 60er Jahre immer mehr verebbt, jedoch zeigen sich Auswirkungen bis in die moderne Kultur- und Sozialanthropologie. Die wohl wichtigste Errungenschaft aus dieser Zeit ist die Methode der ethnographischen Feldforschung mit ihrer Betonung auf der teilnehmenden Beobachtung, die bis heute ihre Anwendung findet.

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Quellen:

[1] Barnard, Alan (2000): History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press.

[2] Seipel, Jerg (2001): Bronislaw Kaspar Malinowski. In: Feest, C. F. & Kohl, K.-H. (Hrsg.): Hauptwerke der Ethnologie. Stuttgart: Kröner, S. 278-283.

[3] Kuklick, Henrika (1996): Malinowski, Bronislaw. In: Alan Barnard & Jonathan Spencer: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. London: Routledge, S. 343-345.

[4] Barth, Fredrik (2005): Malinowski and Radcliffe-Brown, 1920-1945. In: Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin & Sydel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press.

[5] Eriksen, Thomas Hylland (2001): Small Places, Large Issues. London: Pluto Press.

[6] Gingrich, Andre (1999): Erkundungen. Wien: Böhlau.

[7] Kuper, Adam (1997): Anthropology and anthropologists. The modern British school. London: Routledge.

Thursday, October 27, 2005

Welcome...

...to my first blog!